Jetzt heul doch nicht!

„Jetzt heul doch nicht!“, hörte Elias sich sagen, und er hörte auch, wie hilflos das klang, aber was sollte man denn auch sagen, wenn so ein junges, hübsches Ding wie diese Raphaelle plötzlich in Tränen ausbrach! Die feuchten Perlen kullerten ihr nur so aus den Augen und hinterließen schwarze, nicht ganz geradlinige Striemen auf ihren sorgfältig gepuderten und mit einem Hauch Rouge versehenen Backen. Elias ertappte sich bei der Frage, ob die schwarzen Ströme vielleicht deswegen ihre Richtung änderten, weil sie das Rouge in der Backenmitte umfließen mussten…? Die mäandernden Tränenspuren hatten Raphaelles Kinn längst erreicht, als es ihm endlich in den Sinn kam, ihr ein Tempotaschentuch zu reichen, und sie nahm es mit niedergeschlagenen Augen aus seiner Hand an und tupfte wirr in ihrem Gesicht herum, wobei sie das Schwarz ihrer Augenränder nur noch weiter verkleckste. Niedlich sah das aus – die Maskara betonte das Dunkle ihrer Haare. „Was hast du denn?“, fragte er begütigend. „Nimm das doch nicht so persönlich, ich hab doch nur gesagt, dass ich zwar auch gewisse Werte habe und bestimmt kein völlig gottloser Mensch bin, aber trotzdem habe ich ehrlich keine Lust auf diese Versammlung da“ – und damit zeigte er auf den Flyer, den sie schlaff in ihrer taschentuchfreien Hand hielt: Der hatte wohl auch ein paar gesalzene Tropfen abbekommen. „Außerdem habe ich samstagabends um sechs ehrlich Besseres zu tun!“ Jetzt fing er schon an, sich zu rechtfertigen. Ihm war, als sei er, Elias Mieser, schuld an der ganzen Misere und als müsste er sich persönlich verantworten für den verklecksten Flyer, vor allem aber dafür, dass diese Raphaelle immer noch nicht aufhören konnte zu weinen. Was er eben noch süß fand, fing jetzt an, ihn zu nerven, er sah auf die Uhr und wollte weiter, schließlich hatte er noch alle möglichen Besorgungen zu machen, bevor Daniel und die anderen heute Abend zum Kochen kamen. Vorhin waren sie doch zu zweit gewesen, die jungen Damen mit ihren Flyern – wo war jetzt bloß die andere abgeblieben, ausgerechnet jetzt, wo Raphaelle dringend ein bisschen Trost gebrauchen könnte?!? Oder weinte sie um ihn? Das wäre ja dann doch wieder irgendwie süß, und zuzutrauen war es ihr, dass sie ihn für rettungslos verloren hielt und ihn im Geiste zur Hölle fahren sah, wenn er nicht zu ihrer Versammlung kam. An genau diesem Punkt war er vorhin ausgestiegen, als sie von Himmel, Hölle und Verdammung zu reden anfing – Mann, in welchem Jahrhundert lebten sie denn? Das war völlig surreal und er schaute sich blinzelnd um. Nie hätte er gedacht, dass ihm das passieren könnte, dass er irgendwelchen religiösen Traktatierern auf den Leim ging – und das am helllichten Samstagvormittag mitten in der im Moment sehr belebten Fußgängerzone! Auf einmal war es ihm peinlich, hier zu stehen und womöglich gesehen zu werden, wie er aus den Fängen dieser raffinierten kleinen Missionarin nicht mehr herauskam, aber er konnte Raphaelle doch nicht einfach so stehenlassen, solange sie so heulte. Jetzt gab sie ihm sein feuchtes Taschentuch zurück, das er mit spitzen Fingern entgegennahm – ernsthaft, was sollte er mit dem Ding? Den ruinierten Flyer drückte sie ihm auch noch in die Hand – von der Versammlung, die er bewarb, wollte er zwar nach wie vor nichts wissen, aber die junge Dame brauchte jetzt beide Hände frei, um an ihrer schicken Tasche zu nesteln. Sie zog einen kleinen runden Taschenspiegel heraus und betrachtete entsetzt die Verheerung in ihrem Gesicht. Das fehlte noch, dass sie jetzt ihre Puderdose zückte! Stattdessen steckte sie den Spiegel resignierend zurück in die Tasche, in der Unmengen von weiteren Flyern steckten, wie Elias sah, bevor die Streetworkerin den Reißverschluss energisch wieder zuzippte und Elias – oh Wunder! – von dem unliebsamen Flyer befreite. Lieber wäre er das Taschentuch losgeworden. Jetzt sah Raphaelle ihn voll an: „Es tut mir so leid. Ich bin so unfruchtbar!“, brach es verzweifelt aus ihr heraus. „Unfruchtbar?“ Er runzelte die Stirn, und schon wieder flossen die Tränen. So unfruchtbar? Ja, konnte man denn mehr oder weniger unfruchtbar sein? Das klang für ihn ähnlich absurd, wie wenn man sagte, dass eine Frau ein wenig schwanger war, so schwanger, oder sehr schwanger, und nun dies: so furchtbar unfruchtbar. Ein kleines Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. „Raphaelle, jetzt heul doch nicht“, beschwichtigte er. „Du wirst doch wohl nicht gleich ein Kind von mir wollen, oder?“ Völlig konsterniert starrte sie ihn an. „Ich meine, wir kennen uns doch gar nicht. Und heutzutage, du weißt schon, heutzutage gibt es viele Wege, wie eine Frau zu einem Kind kommen kann…“ Doch Raphaelle, die vorhin so eloquent auf ihn eingeredet hatte und ihn dann durch ihren Gefühlsausbruch noch viel mehr in die Mangel genommen hatte als durch jedes noch so furchtbare Weltuntergangsszenario, diese Raphaelle schien jetzt ehrlich sprachlos und starrte ihn an, ohne dass er ihren Ausdruck deuten konnte. „Raphaelle!“, rief da  von weitem ihre Freundin, die flyerwedelnd auf sie zukam. „Der ältere Herr, mit dem ich eben gesprochen habe, will seine Tochter und seine drei Enkelkinder mitbringen – die leben bei ihm, seit die Tochter sich von dem Vater getrennt hat. Fünf Seelen auf einmal, darunter Kinder – ist das nicht wunderbar?“ „Wunderbar“, flüsterte Raphaelle und starrte weiter auf den Boden – da merkte die andere erst, was mit ihrer Glaubensschwester los war. „Was ist denn, Raphaelle?“ Jetzt musterte sie ihn, Elias, mit misstrauisch taxierendem Blick. „War er böse zu dir, hat er dich beleidigt? Du weißt doch, dass der Herr uns für alles, was wir um seinetwillen erdulden, vieltausendfach belohnen wird…“ Raphaelle schüttelte nur traurig den Kopf, aber die andere sah Elias immer noch vorwurfsvoll an: „Gar nichts hab ich gemacht“, brauste er auf und fragte sich im nächsten Moment selbst, warum er sich eigentlich so angegriffen fühlte. „Na, irgendwas muss doch vorgefallen sein“, gab die andere zurück. „Lass gut sein, Audrey“, hauchte Raphaelle. „Es liegt an mir, dass die Saat nicht aufgeht und ich niemanden für die Versammlung heute gewinnen konnte. Ich muss weiter an mir arbeiten, muss noch viel, viel besser werden im Dienst des Herrn… Ich bin so unfruchtbar, und das tut mir so leid!“ Elias brauchte einen Moment – dann platzte er laut heraus und lachte schallend. Raphaelle schien verwirrt. „Ich verstehe nicht, was hier so lustig sein soll“, fauchte Audrey ihn an. „Doch, das ist das absolut Komischste, was mir in letzter Zeit begegnet ist!“ – Elias kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. “Diese junge Frau hier jammert über ihre Unfruchtbarkeit und ich denke an Eizellen und sowas und versuche sie zu trösten, so gut ich kann – dabei ist das nur so eure Art, euch selbst runterzumachen, wenn jemand mit eurer Missioniererei nichts anfangen kann, und beinahe wäre ich noch in Mitleid zerschmolzen!“ Jetzt lachte er über sich selbst. „Raphaelle, du machst einen wunderbaren Job hier und ich hab mich gern mit dir unterhalten, nur bin ich leider nicht die richtige Person für sowas“ – er zeigte auf den unglückseligen Flyer. „Zum Glück rennen hier noch genug andere Leute rum, von denen Audrey bestimmt noch ein paar einfangen kann. Mit dir, Raphaelle, würde ich lieber mal einen Kaffee trinken gehen und ganz normal reden…“ Da hatte Audrey sich schon energisch bei Raphaelle untergehakt und sie zog die unselbstbewusste junge Frau keinen Widerstand duldend mit sich. Sie rührte ihn immer noch, diese Raphaelle – jetzt drehte sie sich zu ihm um und starrte ihm nach, als ob er eine Offenbarung sei. Da – tatsächlich lächelte sie ihn unsicher an. Mit jedem Schritt, der sie von ihm entfernte, sah sie weniger verheult aus. Vielleicht sollte er Daniel anrufen und fragen, ob das Kochen mit den Kumpels heute Abend nicht doch lieber bei ihm stattfinden könnte. Er komme dann ein wenig später, müsse noch zu einer Versammlung… Und vielleicht würde er sogar jemanden mitbringen.

(2017)

Im Fadenkreuz der Zeit

Mein Lehnstuhl knarrt. Mein Haar ist weiß. Vielleicht ist es auch grau und strähnig. Ich weiß das nicht – schon lange schau ich nicht mehr in den Spiegel. Meine verknorpelten Finger zittern, als sie den Schlüssel ins Schloss stecken und die alte Schatzkiste öffnen. Die hat mein Bruder mir geschreinert, als ich klein war. Da fühl und riech und seh ich meinen abgewetzten alten Teddy, Able – „he makes life bear-able“, sagte mein Vater immer. Dann war der Vater weg. Der Bär ist noch da. Darunter: Briefe. Die schrieb die Mutter an den Vater, schrieb der Vater an die Mutter, als sie sich noch liebten. Damals schrieb man Briefe. Und von jedem meiner drei ein Bild: Als Kindergartenkinder wussten sie, dass ich Windmühlen mag. Ich grabe tiefer und zieh ein altes Schulheft raus. Warum hab ich das aufgehoben? Ein einsamer Aufsatz steht da drin. Darunter eine rote Schrift, die mir vage vertraut vorkommt. Mich wundert, dass ich das lesen kann, wo mir sonst die Buchstaben vor den Augen verschwimmen: „Du versprühst hier ein wahres Gedankenfeuerwerk, hast aber leider den Faden verloren. Drei Minus.“ Einen Moment lang spür ich, wie ich beim Schreiben geglüht hab. Und dann das: Drei Minus. Den Faden hab ich schon lang verloren. Ich leb im Stift. Manchmal zieh ich ihn aus dem Ärmel meiner roten Bluse. Das soll ich bitte lassen, sagt Schwester Anna, sonst bleibt am Ende von der schönen Bluse gar nichts übrig! Egal, sage ich. Lieber eine Bluse opfern als den Faden verlieren. Drei Minus. Da hat sich jemand getäuscht: Es war besser als Drei Minus. Auch wenn da viele lose Fäden waren. Ich hab noch andere verloren. Manche haben sich an mich geknüpft, ob ich das wollte oder nicht, an andre hab ich mich von mir aus drangehängt. Gut schien es, wenn wir unsre Leben zu einem Band verwoben, das uns hielt. Da, unter dem Papier, da ist das alte Band, das Großes hoffen ließ. Wir waren jung. Wir wollten viel. Mein Leben nahm das deine in sich auf und umgekehrt, und alle losen Fäden wurden sorgfältig entwirrt und fest verknotet. Dann war das Band ein dicker, starker Strang. Jetzt zieh ich einen seidnen Faden nach dem andern raus. Mein Lehnstuhl knarrt dabei im Rhythmus meines Lebens.

Mein Sessel knarrt. Dabei ist er ganz neu – du nennst ihn Ungetüm und warst dagegen, dass ich sowas kaufe. Natürlich ist er viel zu groß für dieses Zimmer hier im Wohnheim, aber – ich fühl mich wohl in ihm. Das aus edlen Fäden gewirkte Seidenband, das du mir aus Indien mitgebracht hast, liegt bunt und kühl und angenehm in meiner Hand. Du sagst, du willst nie mehr so lange von mir weg sein. War es so lang? Es ist Zeit, sich zu binden. Mir ist es recht, wenn du geschäftlich verreist bist. Ich bin auf der Suche. Du bist etabliert. Schon lange wartest du auf mich und darauf, dass ich die Fäden, die in unser Band nicht passen, kappe. Ich kann das nicht. Doch kann ich anders, ohne dieses Kunstwerk zu zerstören? Es spricht mich an, ich habe einen ausgeprägten Sinn für alles, was ästhetisch ist. Ich fühl mich schmierig, wenn ich ungeduscht bin. Schnell dusch ich, wenn du kommst. Wir passen gut zusammen, du und ich, das sagen alle. Ich bin so alt wie du – und lange nicht so weit. Jetzt sind wir auf der Zielgeraden, sagst du, dein Chef will dich befördern und ich bin doch auch bald fertig mit meinem endlos langen Studium. Ob ich denn keine Kinder wolle? Ja, doch. Ich will so viel. Und alle sagen, so einen wie dich werd ich im Leben nicht mehr finden. Worauf ich denn noch warte? Das weiß ich nicht, doch schau ich täglich in den Spiegel und frage mich, ob ich die bin, die du da siehst. Du ziehst und zerrst an mir. Ein buntes Haarband soll ich für dich tragen. Dabei ist‘s mir am liebsten, meine Haare flattern, wohin der Wind sie weht. Auf einmal – hab ich diese Schere in der Hand. Das kunstvolle Band spreizt sich zwischen drei unberingten Fingern. Dann schneide ich es durch und atme schnell und schwer, weil nichts mehr ist, wie es war. Mein Sessel knarrt befreit.

Mein Lehnstuhl knarrt und ich fühl mich geborgen. Nach jedem Schnitt, den ich beherzt genug gesetzt hab, hat jeder Faden, der verloren schien, andre gefunden und umspielt, umworben. Nie war ich fadenscheinig, nein, ich war zuhaus in einem Netz, das sich entsponnen hat jenseits von allzu schönen Mustern. Jetzt bin ich hier mit meinen Schätzen, bin im Fadenkreuz der Zeit, endlich am Ziel. Noch einmal hör ich meinen Lehnstuhl knarren.

(2018)

In: Zeit – Anthologie – Kurzgeschichtenwettbewerb 2018 (Literareon im Herbert Utz Verlag, 2018). ISBN 978-3-8316-2099-9 – bestellbar unter https://www.literareon.de/catalog/book/42099


Natur(zu)nah

Fassungslos starrte er sie an. So mancher mochte schön finden, was sich da viel zu nah vor seinen Augen elegant ringelte, mancher mochte die klare Zeichnung ihrer Haut bewundern, aber er – er sah nur schwarz, sah eine endlose Aneinanderreihung schwarzer Kreuze, er sah: die Schlange. Gerade eben hatte Tobias sich noch vorgestellt, wie er bereits in drei Tagen mit Tonia hier stehen und sie nach dem Baden küssen würde, ihr kühler Körper warm in seinen Armen. Das war die perfekte Kulisse für einen ersten Kuss: hier auf dem Bootssteg am Torskabotten, wo er zig Schwedensommer seiner Kindheit verbracht hatte auf dem Seegrundstück der Edelmanns. Tonia und er würden Zukunftspläne schmieden und ihr Glück würde sich im Wasser spiegeln, das in der milden Abendsonne glänzte… Wie cool das doch war, dass er seine übliche Schüchternheit überwunden und Tonia einfach gefragt hatte, ob sie nach ihrer Summer School in Göteborg hierher kommen und ein paar Tage mit ihm am See verbringen wolle…? Er kenne sich hier aus. Das stimmte zwar, aber es war das erste Mal, dass er alleine hier war – seit seinem letzten Urlaub mit den Eltern vor sieben Jahren hatte es ihn nicht mehr nach Schweden gezogen. Verändert hatte sich hier nichts. Trotz der Bedenken seines Vaters hatte er es locker geschafft, das kleine Stotterboot anzuwerfen und seine Sachen von der Anlegestelle am Parkplatz hier herüber zu bringen zum Häuschen mitten im Wald und direkt am See. Nichts und niemand würde sie hier stören – nichts außer dieser Schlange, vor der er jetzt leise und langsam zurückwich. War das eine Kreuzotter? Das musste er unbedingt googeln. Er musste rausfinden, ob diese gewundene Kreatur da auf den Steinen vor dem Steg nur unangenehm oder tatsächlich gefährlich war – auf keinen Fall wollte er sich vor Tonia blamieren, die im achten Semester Zoologie studierte. Sein Handy lag oben im Häuschen – aber verdammt, er hatte ja kein Netz! Der Empfang hier im Wald war unglaublich schlecht, aber im Grunde konnte er sich ja gerade die totale Abgeschiedenheit am Torskabotten mit Tonia! auf einmal wieder vorstellen… Mit siebzehn hatte ihn dieses Abgeschnittensein von allem nur genervt, weil er es als Weltfremdheit missverstanden hatte. Das war heute anders. Seine Eltern fanden, dass er auf einmal sehr erwachsen geworden sei, seit er die letzte Prüfung seines Informatikstudiums abgelegt hatte. Seine Mutter hatte dann auch die Edelmanns bequatscht, ihn ruhig alleine hierherkommen zu lassen nach dem ganzen Stress, den Urlaub habe er sich redlich verdient und er kenne sich ja mit allem aus, auch wenn das mit der Wasserleitung vom See her immer ein wenig diffizil war… Ja, er kannte sich mit allem hier aus, außer mit Biestern wie dieser Kreuzotter da vorne! Zig Sommer lang war er in Gummistiefeln durch die Wälder hier gezogen und seine Eltern hatten ihm eingeschärft, immer kräftig aufzutreten, weil es Kreuzottern geben könne, aber nie im Leben war er leibhaftig einer begegnet. Man müsse trampeln, hieß es, weil Kreuzottern durch die Erschütterung erschräken und sich dann von sich aus davonmachten, nur barfuß auf sie treten, nein, das sei nicht ratsam – Tobias sah betroffen auf die nackten Füße in seinen Badeschlappen und wich weiter zurück, trat rückwärts hinunter vom Bootssteg auf den weichen Waldboden, wo er sich etwas sicherer fühlte, eine volle Steglänge zwischen ihm und dem Ungetier. Er trampelte wie verrückt, aber es war lächerlich, was auf dem durch Lagen von Kiefernnadeln bestens gedämpften Untergrund dabei heraus kam. Von hier aus sah er sowieso nicht, ob er die Kreuzotter in irgendeiner Weise beeindruckte, und er hatte ganz bestimmt nicht das Bedürfnis, nochmal in Badeschlappen nach ihr zu sehen. Fünf Minuten später stand er in Gummistiefeln und Trekkinghose wieder vor dem Bootssteg und war den ganzen Weg vom Häuschen herunter getrampelt, was das Zeug hielt. Vorsichtig trat er auf die Holzplanken, nur um sich im nächsten Moment wieder daran zu erinnern, dass er stampfen musste – ihm war eher nach anschleichen. Jede Schlange, die keine harmlose Blindschleiche war, war sein Feind. Verdammt, saß er da einem Mythos auf? Konnte man friedlich koexistieren mit diesem Abschaum der Schöpfung? Er hörte sein Herz heftig klopfen, als er leise an das seeseitige Ende des Bootsstegs trat und die Augen suchend über die Steine gleiten ließ. Soviel er auch scannte: die Schlange war weg. Merkwürdigerweise beunruhigte es ihn fast mehr, nicht zu wissen, wo die Schlange war, als sie auf ihrem vorigen sonnengewärmten Platz zu sehen. Wenn sie hier nicht war, konnte sie überall sein. Eigentlich hatte er sich noch eine Runde in den See werfen wollen an seinem ersten Abend hier – konnten Kreuzottern eigentlich schwimmen? Schaudernd und widerwillig trat er den Rückzug an – da hörte er mit seinem inneren Ohr, wie Tonia lachte. Kein rechter Kerl rannte davon vor etwas, das seiner Schätzung nach keine achtzig Zentimeter lang sein konnte. Was erwartete Tonia von ihm, wenn sie so lachte? Dass er sich männlich zeigte und sie beschützte, indem er die Schlange ohne großes Aufhebens beseitigte? Mann, er kannte Tonia ja überhaupt nicht! Womöglich standen diese Kreuzottern unter Naturschutz und man durfte sie gar nicht töten – mit einer eingefleischten Tierfreundin konnte er da Ärger bekommen. Andererseits konnte er sich keine junge Frau vorstellen, die ihren badplats gern mit einer giftigen Schlange teilte. Was nun? Es dämmerte schon und er war furchtbar müde nach der langen Reise. Eine halbe Stunde später fiel er ins Bett, die Außendusche hatte er gemieden und sich am Waschbecken drin nur notdürftig gewaschen. Er träumte – natürlich! – von Schlangen.

Am nächsten Morgen sah die Welt ganz anders aus. Tobias frühstückte ausgiebig auf der Veranda über dem See und stellte sich wie in seiner Kindheit vor, wie es wäre, wenn jetzt ein Elch vorbeikommen würde… Nach der Kreuzotter gestern würde ihn nichts mehr wundern! Er konnte schon wieder schmunzeln und das Wetter war so herrlich, dass er am späten Vormittag in Badehose und Gummistiefeln zum Steg runter ging und wild entschlossen war, sich von keiner Schlange der Welt vom Schwimmen abhalten zu lassen. Sie war nicht da. Dabei hatte er gar nicht mal so laut getrampelt… Die Szene von gestern kam ihm jetzt vor wie ein Spuk, den er sich auch eingebildet haben konnte. Er prustete, plantschte und schwamm, hievte sich am Steg aus dem Wasser und angelte nach seinem Handtuch auf einem überhängenden Ast – da lag die Kreuzotter wieder träge auf ihrem angestammten Stein und das Adrenalin war zurück. Er, der sonst total stressresistent an den kompliziertesten Programmen tüftelte, er drehte hier völlig am Rad und es fiel ihm beim besten Willen kein Algorithmus und kein Gesetz ein, nach dem man so eine nichtsnutzige Schlange loswerden konnte. Noch halb nass schlüpfte er in die schützenden Stiefel und wickelte das Handtuch fest um sich, bevor er sich auf einen großen Felsbrocken setzte und anfing, die Schlange zu beobachten.

Stunden später saß er immer noch da. Die Kreuzotter hatte sich kaum geregt, hatte sich nur ab und zu ein wenig geräkelt wie ein Wesen, das hier seinen Platz hatte, während er sich fühlte wie ein Eindringling. Und trotzdem – die ruinierte die ganze Idylle hier! Zum Teufel mit der Zoologie – schließlich wollte er mit Tonia keine Schlangen beobachten, sondern romantische Stunden verbringen und sehen, was sich daraus entwickelte… – ganz bestimmt wollte er dabei nicht auf eine Kreuzotter achten müssen, auf die man aus Versehen treten konnte! Immer wieder kam er zu dem Schluss, dass er das rauhäutige Scheusal eben doch um die Ecke bringen musste, bevor Tonia kam. Längst hatte er zwei faustgroße Steine in seinen Händen, die er drehte und wendete. Immer wieder musste er dann aber denken, dass er ja gar nicht wusste, wieviele Artgenossen dieser Kreuzotter noch irgendwo lauerten. Was immer er täte, er würde Tonia nie so frei und unbefangen gegenüberstehen, wie er das gestern bei seiner Ankunft im Spiegel des Wassers schon gesehen zu haben meinte. Es half nichts: Er musste Tonia sagen, was Sache war, und es wäre dann wohl besser, er hätte keine Kreuzotter erschlagen. Vielleicht wusste Tonia, was zu tun war, schließlich kannte sie sich mit solchen Viechern aus, die so gerne wohlig in der Sonne lagen. Sie kannte sich aus, und er war bedürftig und nackt – ganz dringend bedurfte er einer Lösung in einer Sache, die ihn restlos überforderte. Nein, das war kein guter Ausgangspunkt. Tonia würde durchschauen, was für ein Schwächling er war, und sich frustriert von ihm und seiner Unsicherheit abwenden. Nichts würde er ihr sagen, rein gar nichts, und wenn sie sich am Ende auf dem Steg liebten und dabei gebissen würden, dann avancierte er wenigstens vom Nerd zum tragischen Liebhaber… – so weit war er schon, dass er so einen Schwachsinn dachte. Hörst du das, du vermaledeites Biest?!? Aber die Kreuzotter ließ nicht mit sich verhandeln und sich auch sonst nicht vertreiben durch irgendeine Kraft des Geistes. Endlich stand Tobias auf und sah von der Schlange weg auf das Wasser, das sich im Wind kräuselte und in beruhigend regelmäßigen Abständen ans Ufer lappte. Er sah sich. Er sah den, der töten konnte, und er sah den, der lieber getötet würde, als auch nur einer Fliege was zuleid zu tun. Er sah Tonia, die ihn verlachte, und Tonia, die ihn verstand, seine Hand nahm und den Weg hoch führte…

Dann warf er den ersten Stein.

(2018)

In: Peter Schaden (Hrsg.), wasser.spiegel – Anthologie (Verlag Edition FZA, 2018). ISBN 978-3-903104-08-2

Diese Anthologie ist bestellbar unter: https://www.editionfza.at/index.php/edition-liberty

Création à la femme

Création á la femme

Die Frau sprach:
Lasset uns Mischmänner machen.

Sie entdeckte den Mann,
in dessen Spiegel ihr Bild
zu vollster Entfaltung kam,
und sie nahm:

Vom buckligsten Mann der Stadt die hündische Treue,
mit der er an seiner aufrechten Frau hängt,
um ihr keinen Grund zu geben, ihn zu verlassen.

Von dem Frauenhelden das großzügige Lächeln,
das er selbst noch an ein Mauerblümchen verschwendet,
aber nur, wenn keine andere es sieht.

Von dem reichen, gutaussehenden Geschäftsmann
das je-ne-sais-quoi (Solarbräune, Portemonnaie),
das alle seine Sekretärinnen von ihm träumen lässt.

Von dem geheimnisvollen Sensiblen
den nuancenreichen Tonfall,
der sich in ihrem Ohr steigert, ohne zu brechen.

Von dem Kosmetikhändler die geschmeidige Hand,
die gefällig über die ihre streicht
und die Berührung nicht mit Schweiß zerreibt.

Vom Hauptamtlichen der Telefonseelsorge
das beruhigende Wort, das Verständnis des Schwachen,
das der Weisung des Starken vorausgeht.

Von dem leidenschaftlichen Liebhaber auf der Leinwand
die Passion, die sie nicht leiden macht,
weil sie schaut, wenn sie spürt.

Aus ihrer Tiefe den Namen,
in dem das Geheimnis des Du sich am höchsten verdichtet,
bis aus der bildenden Dichte das Objekt ihres Wunsches entspringt:

ein Mann.

Sie erkennt ihn wieder.
Sie hat ihn gemischt am Pult ihrer Sehnsucht,
betrieben vom Strom des Ansehens und der Angst vor Einsamkeit.
Keine Schaltung an ihm, die ihr missfällt.

Nur atmen will er nicht.
Der Schuft.
Der Verräter
an ihrer Schöpfung.

(1992)

Chester Cathedral

Wir stehn in der Bläue des Doms und ein Chor singt leise,
umringt uns, berauscht uns mit flüsternd verklingenden Sphären,
mit fremden Stimmen, die demütig Glück glauben lehren.
Wir fragen nicht mehr. Uns zeigt sich in stiller Weise:

Heut ist die Welt für uns, wir sind nicht für die Welt.
Wir gehn durch Hymne und Weihrauch hinüber zum Tor:
Tor der Zeit, wir drehen den Schlüssel, was steht uns bevor…?
Weg zum Glück, du bleibst unübersehbar, doch scheinst unverstellt.

Der Schritt durch das Tor wird leicht in deiner Berührung.
Ich lebe, ich singe, der Chor singt in mir, wir vertrauen
nur diesem Schritt, nicht den Fragen, auf die andre Liebe bauen.
Erklär mir: Ist’s Zufall? Ist’s Fügung? Ist’s Schicksal? Ist’s Führung?

Ich erfasse die Schwingung. Ich schweige. Ich weiche dem Wort,
das ich nicht kenne. Ich will es nicht nennen. Wer nennt,
der zerstört. Letzte Silbe weicht klarem Ton. Wer erkennt,
weiß die Wahrheit des Wunsches: Bleib nie wieder stehn. Geh nicht fort.

Eine schwarze Gestalt weist uns murmelnd den Weg, führt uns weiter,
doch weiter bedeutet zurück in den Kreuzgang der Fragen.
Schreite schnell durch das Grau, lass dich weiter und weiter tragen
von der Bläue des Doms, die dich ruhiger machte, bereiter.

(1991)

West window in Cathedral, Chester straight

It’s nothing

Strangely elated
after a night of no dreams but daydreams
I sit down to the feast. Can’t eat.

You come in.

For fear of the flower of darkness being crushed
I shut out the light of your face.
Yet it radiates from a secret source.

Don’t say it, words make us so separate.
There’s more silence in words
than words in your silence.

What I wanted to say:
I want a kiss like a poem.
Tenderness whispered.

You turn.

Beneath our imperfect bodies
we rise
and communicate

nothing.

(1992)

Weihnachtsrechtschreibmärchen

Das Wort, der Schulmeister und das Kind

Es war einmal ein Wort, das war sehr arm dran, und besonders in der Weihnachtszeit, denn während alle Menschen in ihren warmen Stuben saßen und eine Kerze nach der anderen anzündeten, musste es draußen in den Gassen herumirren. Es schaute sehnsüchtig durch die Fenster und immer einmal wieder versuchte es, an eine Tür zu klopfen und um Einlass zu bitten, doch immer bekam es die gleiche Antwort: „Wir kennen dich nicht, bist ein fremder Wicht, drum suche dir woanders ein Licht!“ Das Wort war sehr verzweifelt, da hörte es von einem alten Schulmeister, von dem die Leute sagten, dass er sehr gut zu Wörtern sei. Der Schulmeister wohnte draußen am Dorfrand in einem kleinen Häuschen. Schon von weitem sah das Wort, dass die Vorhänge nicht zugezogen waren, und als es näher kam, schaute es neugierig zu den Fenstern hinein: Das Innere des Häuschens bestand hauptsächlich aus einem großen Raum, dessen Wände bis unter die Decke voller Bücherregale waren. Es gab nur zwei Lücken für Tür und Fenster! Wahrhaftig, dieser Mensch da drinnen wusste offensichtlich mit Wörtern umzugehen, und das arme Wort schöpfte Hoffnung, von dem Schulmeister eingelassen zu werden. Es klopfte beherzt an die Tür und hörte bald drinnen ein langsames Schlurfen. Die Tür öffnete sich und ein alter Mann mit langem weißem Bart stand vor dem Wort. „Was willst du?“, wollte er wissen. „Ich bin ein armes Wort, das ein warmes, helles Plätzchen sucht in dieser kalten, dunklen Zeit. Bitte, lass mich ein!“ Der Schulmeister schaute das Wort angestrengt an und runzelte die Stirn: „Ich kenne dich nicht, bist ein fremder Wicht, drum suche dir woanders ein Licht!“ Schon wandte er sich zum Gehen, da drehte sich der Schulmeister noch einmal um: „Was ist geschehen, dass dich niemand mehr kennt?“ „Ein Schüler hat mich so geschrieben,“ sagte das Wort, „wie ich jetzt aussehe. Bevor es jemand bemerkt hat, dass ich nicht richtig bin, bin ich aus dem Heft gefallen, und jetzt will niemand mich kennen!“ „Du bist auch nicht zu erkennen“, sagte der Schulmeister, „aber ich gebe dir einen Rat. In meiner jüngsten Klasse gibt es ein Kind, das manchmal Wörter schreibt, die ich nicht erkenne. Dann verändert es die Wörter so lange, bis sie richtig sind. Das Kind wohnt dort drüben!“ Der Schulmeister zeigte auf ein Haus, das ein wenig vom Dorf entfernt lag. Sogleich machte sich das Wort auf den Weg. In einem kleinen Stübchen oben im Giebel brannte noch Licht. Das Wort dachte sich schon, dass es keinen Sinn hatte, an die Tür zu klopfen, deshalb flog es gleich zum Giebelfenster: Und richtig, da lag ein Kind in seinem Bettchen und las. Das Wort klopfte ganz leise und vorsichtig an das Fenster, um das Kind nicht zu erschrecken, und bat um Einlass. Doch das Kind sagte: „Ich kenne dich nicht, bist ein fremder Wicht, drum suche dir woanders ein Licht!“ Schon wollte es sich wieder seinem Buch zuwenden, da fing das Wort draußen vor dem Fenster an zu tanzen und zu singen. Die Buchstaben flogen nur so, wechselten ständig ihre Position und standen keinen Moment still. Das Kind wurde neugierig, ging ans Fenster und machte es einen kleinen Spalt weit auf, um die Musik besser zu hören, aber nur so wenig, dass ein ganzes Wort nicht durchgekommen wäre. Jedoch flogen einzelne Buchstaben aus dem Zimmer, die in einem aufgeschlagenen Schreibheft standen, hinaus durch den Spalt und schlossen sich dem Wort an – Buchstaben tanzen nun einmal für ihr Leben gern! Die Buchstaben drehten und wendeten sich, wechselten ständig ihre Position und standen keinen Moment lang still, da erkannte das Kind plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde ein Wort in diesem Gewirbel. „Halt!“, wollte es rufen, doch es war schon zu spät, nichts war mehr zu sehen außer Buchstabengewirr. Doch jetzt war die Neugier des Kindes vollends geweckt und es öffnete das Fenster weit, um die Buchstaben einzulassen. Es musste fast eine Viertelstunde lang warten und im Zimmer wurde es ziemlich kalt, bis die Buchstaben alle ausgetanzt hatten und alle miteinander zu dem Schreibheft flogen, aus dem einige von ihnen gekommen waren. Das Kind knobelte die ganze Nacht und schrieb die Buchstaben mal in dieser, mal in jener Reihenfolge auf, ließ mal die einen und mal die anderen weg. Schließlich schlief es erschöpft an seinem Schreibtisch ein. Als die Mutter am nächsten Morgen kam, um es zu wecken, stand ein wunderbares Wort im Schreibheft, das ihr in seinem vollen Glanz entgegenstrahlte. Eigentlich wollte sie schimpfen, weil das Kind nicht im Bett war, doch das Wort stimmte sie freundlich. „Zeit für die Schule“, sagte sie nur und weckte das Kind vorsichtig auf. In der Schule waren die Kinder sehr aufgeregt an jenem Morgen. Alle hatten wochenlang fleißig Wörter gesammelt und nun sollte das schönste Wort von allen gefunden werden. Alle Wörter wurden an der Tafel gesammelt und am Ende gab es zehn, die in die engere Wahl für das schönste Wort kamen. Das Kind aus dem Haus, das ein wenig vom Dorf entfernt lag, hatte sich bisher zurückgehalten und meldete sich nun erst ganz zum Schluss: Geschwind stand es auf und schrieb sein Wort an die Tafel. Im Klassenzimmer wurde es so still vor Staunen, dass man die Schneeflocken draußen fallen hörte: So schön war das Wort! Und das Kind sagte: „Das ist ein Wort, ihr erkanntet es nicht, war ein armer Wicht, drum suchte es bei mir sich ein Licht!“ Und das Wort blieb bei dem Kind und die beiden wurden sehr, sehr glücklich miteinander.

Schweigen beim Abendbrot

Geschichte A:

Peter war in Hochstimmung, als er nach dem Training nach Hause kam. Er sei eine neue Hoffnung für die Mannschaft, hatte man ihm gesagt, er, eine Hoffnung für die Mannschaft! Dabei war er erst seit wenigen Wochen dabei, das musste man sich vorstellen! Ihm fiel auf, wie das Laub schon anfing, sich zu färben, und als dann nach einem grauen Nachmittag doch noch einige Abendsonnenstrahlen durchkamen, ging das bunte Leuchten durch ihn durch. Er beschleunigte seine Schritte, um schneller nach Hause zu kommen…
Als er in die Küche stürmte, saß seine Mutter schon am gedeckten Abendbrottisch. „Weißt du was?“, fing er an, während er seine Sporttasche in eine Ecke warf. „Du bist spät dran“, sagte die Mutter. „Ich muss nachher nochmal weg. Zu Tante Elli.“ Peter spürte, wie seine Begeisterung in ihm verpuffte. Ärgerlich stand er auf, um den Senf zu holen, den sie vergessen hatte. Das Glas knallte lauter auf dem Tisch, als er beabsichtigt hatte, und prompt presste seine Mutter zwischen den Zähnen heraus: „Pass doch auf!“ Da ging Peter hinaus und knallte die Tür zu.

Aufgaben:
1. Schreibe in einem (möglichst kurzen) Satz auf, worum es in der Geschichte geht,
und berücksichtige dabei den Titel.
2. Charakterisiere a) die Mutter und b) den Sohn.
3. Welche Wirkung hat die Beschreibung der Jahreszeit in dieser Geschichte?
4. Aus wessen Sicht wird erzählt und was bewirkt das?

Geschichte B:

Sie hatte den Tisch schon gedeckt und stellte jetzt Wurst, Käse und Brot auf den Tisch. Peter, ihr Sohn, würde jeden Augenblick aus dem Training heimkommen. Sie setzte sich, müde, denn im Büro war heute wieder mal die Hölle los gewesen. Dabei hatte sie sich zwingen müssen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren… Die ganze Zeit dachte sie an Elli, ihre Schwester, die heute operiert worden war. Es war ungewiss, ob man ihr noch helfen konnte, und sie hatte Angst, denn nach dem Tod ihrer Eltern und ihres Mannes war Elli ihre einzige Hilfe auf dieser Welt. Krebs. Draußen war es Herbst. Eine Jahreszeit zum Sterben. Wo blieb nur Peter?
Als er endlich kam, schreckte er sie mit seiner wilden Art aus ihren düsteren Gedanken auf. „Ich muss nachher nochmal weg, zu Tante Elli“, sagte sie ihm. Sie hätte ihre Sorgen gern geteilt, doch Peters Miene schien unzugänglich. Wozu den Jungen belasten, dachte sie. Als er türenknallend gegangen war, schüttelte sie nur den Kopf und stand seufzend auf, um den Tisch abzuräumen.

Aufgaben:
1. Schreibe in einem (möglichst kurzen) Satz auf, worum es in der Geschichte geht,
und berücksichtige dabei den Titel.
2. Charakterisiere a) die Mutter und b) den Sohn.
3. Welche Wirkung hat die Beschreibung der Jahreszeit in dieser Geschichte?
4. Aus wessen Sicht wird erzählt und was bewirkt das?

Jealousy

So what does it mean,
this dream, this nightmare:
You have been with her.

You say it was fun.
You saw the sun then
in her, not in me.

And what did she see
in you, you believer?
She blandished, she blinked,

she blurred your view
of yourself. You were blinded
by a silvery slur.

The mirror is her,
the blur, you use it.
Beware. Look behind.

If you do, you may find
Me waiting, dying
To see my own light

in you. I do use
you, lover, mirror,
like you did with her.

Is that what it means?
My own view may blur,
may conceal what is real.

Believe, then, in her,
and I will try
to believe what you say.

Just talk, talk to me.
Set me free
from this poison, this jealousy.

(1991)

Warum

Männer heben die Grube aus.
Frauen spielen mit ihren Kindern,
sprechen von Glück, sprechen von Zuhaus,
machen die Männer zu Überwindern
dessen, was droht. Keine Angst, mein Kind,
sie graben, sie suchen, sie machen dein Glück,
sie bringen verlorene Schätze zurück,
sie trotzen dem Regen, dem Wissen, dem Wind.

Sag, erklär mir:
Warum kann man fallen.
Wozu ist die Grube tief.
Wer verliert.
Was gewinnt, der nicht fragt.
Wie soll man schlafen.

Es ist eben so, sagt die Mutter, sie weiß:
Nur aus Gruben wachsen die Häuser der Liebe,
nur aus Tiefe wächst Halt. Wer misstrauisch bliebe
vor der Grube, der wird auf höheres Geheiß
verbannt und gebannt von dem größeren Bau,
in dem Leben allein nur möglich sei.
Der Preis wird gezahlt: Glieder schwer wie Blei;
Farben schwinden und weichen der Grube Grau.

Gib mir Halt:
Sag, dass ich nie in die Grube falle.
Sag, die Tiefe hat einen zu hohen Preis.
Sag, dass niemand verliert, der nicht schläft.
Sag, fragen ist leben.
Sag, dass du dich behütest.

Warum es nicht fragt,
warum es in die Grube gefallen ist,
warum fragt es nicht

warum

(1991)